“Auf wie viel Prozent schätzen Sie Ihr „Management“-Talent in Ihrem Skilltree? Wann haben Sie das letzte Mal ein Update in Sachen „Social-Media-Competence“ gemacht? Wie lange haben Sie Ihren „Führungsstil“ nicht mehr gelevelt?”

Wurdet Ihr noch nie gefragt? Nun, dann seid Ihr keine Führungskräfte. Oder wollt nicht bei Talanx anfangen. Denn der hannoversche Versicherungskonzern setzt jetzt eine KI, eine künstliche Intelligenz, zur Personalauswahl ein. So stellt sich jeder Kandidat mit Aussicht auf einen Managerposten einem Roboterprogramm. Die Software erkennt durch Sprachanalyse die Bewerberpersönlichkeit und schätzt so die Eignung ein. Wird der Recall-Zettel in Zukunft so verteilt?

Digitale Revolution

Selbst vor dem guten alten Bewerbungsgespräch, das wir alle so liebgewonnen haben, macht die Digitalisierung nicht halt. Frechheit. Sind die Tage des verschwitzen Händedrucks, des sich stupiden Anlächelns und Abwägens vorbei? Ja. Zumindest wenn es nach Talanx geht. Denn seit Jahresbeginn verzichtet der Konzern auf aufwendige Assessment Center und setzt stattdessen auf die KI-Software eines Start-ups. Keine Tests oder tagelangen Tagungen mit albernen Aufgabenstellungen. Die Aufgabe der KI: Ein Telefonat mit dem Bewerber führen.

“Das Ganze dauert etwa eine halbe Stunde, kostet etwa 1.000 Euro und wird vom Computer geführt – ein Assessment Center dagegen dauert ein bis zwei Tage und kostet meist fünfstellige Beträge”, sagt Torsten Leue, Arbeitsdirektor der Talanx AG.

Diesen Algorithmus-Test des “Precire”-Programms sieht Leue als einfaches aber effizientes Instrument. Damit sei es ein Leichtes festzustellen, ob der Bewerber zur Firma und der Firmenkultur passt. Das Programm analysiert über die Sprache die Persönlichkeit des Kandidaten. Keine leeren Floskeln und Versprechungen mehr.

Führungskräfte: Nicht ersetzt, sondern unterstützt

Doch keine Panik, liebe Bewerber. Tief ausatmen. Entspannen. Denn die Software-Lösung sortiert lediglich die Vorauswahl. Aber offenbar sehr erfolgreich. So stellte sich auch Leue letztes Jahr dem Programm. “Ich habe mich auch diesem Instrument gestellt und war begeistert”, sagt der Betriebswirt. Weshalb aber zurückgreifen auf eine KI, extra für Führungskräfte?

“Künstliche Intelligenz ist eine Schlüsseltechnologie der Digitalisierung, sie wird schon bald sehr viele Produkte und Dienstleistungen prägen”, sagt Mathias Weber vom Branchenverband Bitkom. “Denn auch bei der Fachkräfte-Rekrutierung wird sie immer wichtiger. Dabei werden Logistiker, Ärzte, Polizisten oder Personalexperten nicht durch Algorithmen ersetzt, sondern erhalten Unterstützung bei der oft schwierigen, zeitkritischen Entscheidungsfindung.”

KI-Kritik

“Ich finde das Programm ebenso interessant wie beängstigend”, sagt Betriebswirtin Tina Voß von der gleichnamigen Zeitarbeitsfirma (Tina Voß GmbH) in Hannover. “Auf so ein vollautomatisches Bewerbungsgespräch muss man die Bewerber extrem gut vorbereiten; denn sie werden ja bei der Nutzung von Füllwörtern oder Floskeln sofort entlarvt, bevor sie sich dazu erklären können”, so die Unternehmenschefin weiter.

Jenes „automatische Durchleuchten“ von Bewerbern wirft viele moralische und rechtliche Fragen auf. Das Stichwort von Frau Voß: Freiwilligkeit. Dabei steigt das Vertrauen des Menschen in die KI stetig. Zumindest die Zeitarbeit-Chefin ist sich sicher. Solche Programme werden sich in Zukunft etablieren.

“Ich glaube schon, denn es ist zu einfach und genau bei einer Trefferquote von 80 bis 95 Prozent.”

Bild: ©nuvolanevicata/Fotolia

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Nikita Mitryaev

Nikita Mitryaev ist Autor in der NewFinance Redaktion. Der gebürtige Moskauer studierte Digital Film & Animation an der Middlesex University in London.